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Eher ein Statement als ein Gutachten

Dr. Karl-Friedrich Ziegahn, Karlsruher Institut für Technologie: Grundsätzlich bin ich vom Engagement der Bürger, welches in der Ausarbeitung des Bürgergutachtens sichtbar wird, positiv berührt. Praktisch alle wichtigen oder aktuellen Diskussionspunkte der öffentlichen Debatte zu Energiefragen werden aufgegriffen und erörtert. Es ist aber auch verständlich, dass der Umfang der Stellungnahme der Bürger sehr begrenzt ist und daher die vielen Aspekte nur an der Oberfläche berühren kann. Dies beeinträchtigt natürlich insgesamt die Aussagekraft im Sinne eines ‚Gutachtens’ und lässt die Ausarbeitung eher als Meinungsbeitrag oder Statement erscheinen.

Generelle Anmerkungen
Der Vorschlag, die Sozialverträglichkeit hinzuzunehmen ist gut und entspricht der gängigen Nachhaltigkeitsbetrachtung, ökonomische, ökologische und soziale Dimensionen gleichrangig zu bewerten.

Die Kritik an mangelnden objektiven Informationen ist nachvollziehbar, aber bei einem Thema, welches nicht rein wissenschaftlich sondern insbesondere politisch dominiert ist, kaum überraschend. Die Bürger müssen noch mehr lernen, Quellen von Informationen zu analysieren und zu bewerten und dabei Ist-Analysen und Prognosen, Projektionen und Szenarien (mit in dieser Reihenfolge aufsteigender Tendenz, Wertvorstellungen einfließen zu lassen) zu unterscheiden.

Die These, dass der Wissenschaft der Wille fehle, in Visionen zu forschen, kann ich teilweise mittragen, aber es gibt zu viele unterschiedliche Akteure in der Wissenschaft, um dies wirklich zu verallgemeinern. Es gibt sehr wohl Visionäre, aber auch forschungspolitische Vorgaben seitens der Zuwendungsgeber. Richtig ist, dass sich Wissenschaftler mehr ‚trauen’ sollten, auch gegen den Mainstream anzugehen (bei einem Wissenschaftssystem, das sich häufig auf gegenseitige Begutachtung stützt, aber ein schwieriges Unterfangen, wenn man die Finanzierung auf der Basis der Gutachter sicherstellen muss und nicht in eine Außenseiterrolle gedrängt werden möchte)

Technologien zur Energiewandlung
Zu viel Aufwand in konventionelle Technologien und Vernachlässigung der erneuerbaren Energien: Diese These kann ich in der heutigen Zeit nicht mehr teilen, wenn man sieht, wie sich ein politischer Paradigmenwechsel auch in der öffentlichen Förderpolitik niederschlägt. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund einer noch Jahrzehnte dauernden Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und deren hohen Anteil an der gesamten Primärenergieversorgung Deutschlands (derzeit rund 80%) ist es momentan eher problematisch, für Forschungsarbeiten zur Wirkungsgradverbesserung der Kraftwerke oder höhere Ressourceneffizienz Unterstützer zu finden. Richtig ist deswegen im Bürgerpapier die Forderung nach Wirkungsgradsteigerung bei Kraftwerken, nach Verringerung der Leitungsverluste und einer verstärkte Kraft-Wärme-Kopplung.

Zentrale und dezentrale Technik
„Dezentral“ und „regional“ gelten im Bürgerpapier offensichtlich als besonders attraktiv, man redet von energieautonomen Regionen und einer dezentrale Wärmeversorgung und koppelt dies an ‚intelligente’ Stromnetze und eine ‚intelligente’ Verbrauchssteuerung. Dies entspricht einer seit Jahren von kritischen Bürgern vorgetragenen politischen Einstellung, welche die ‚(Wirtschafts-) Macht der Konzerne’ fürchtet und die Hoffnung hat, dass dezentrale Technik eher den demokratischen Prinzipien folgt. Aus technischer Sicht spricht jedoch Vieles für einen zentral gesteuerten Betrieb der Energieversorgung, vor allem unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit und der Kostendegression beim Up-scale technischer Anlagen.

Politische Unterstützungsleitungen
Gefordert werden Subventionen für erneuerbare Energieträger – die gibt es generell bereits vielfältig bis hin zum Risiko der ‚Übersubventionierung’.

Die Förderung der Abwärmenutzung ist dagegen innovativ und sollte zukünftig durch mehr FuE-Leistungen unterstützt werden (Stichworte z.B.: industrielle Restwärmeverbundnetze, Niedertemperaturwärmenutzung, Thermoelektrik, Energy Harvesting)

Die Förderung der Altbaumodernisierung und eine Sanierungsberatung ist richtig, findet aber bereits statt.

Der große Einfluss der Raumordnung und Siedlungsplanung auf den Gesamtenergieverbrauch ist in der Fachwelt hinlänglich erforscht und erörtert worden. Die Bürger weisen zu Recht darauf hin. Hier ergeben sich aber Umsetzungsprobleme aus anderen Motiven, z.B. Wunsch nach einem attraktiven Wohnumfeld, Abneigung gegen urbane Lebensformen, aber auch der Trend zum Büroarbeitsplatz zu Hause.

Energie für Mobilität
Biokraftstoffe nur aus Abfällen? Hier liegen die Bürger richtig; die technische Entwicklung läuft in diese Richtung (z.B. Karlsruhe bioliq-Verfahren). Eine Nutzungskonkurrenz zwischen Energie- und Nahrungsmittelproduktion ist weder wirtschaftlich noch sozial zu vertreten und sollte vermieden werden. Aber je höher die Nahrungsmittelproduktion ist, umso größer ist das Volumen an Rest- und Abfallstoffen.

Ich teile aber nicht den Ausschließlichkeitsanspruch: „Kein Import (bzw. keine Erzeugung) von Biokraftstoffen aus Pflanzungen“. Biomasseanbau für die Energiebereitstellung könnte zu einer wichtigen Einkommensquelle der Landwirtschaft sowohl in Entwicklungsländern wie auch in hochentwickelten Industrieländern werden. Wichtig ist hier allein das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung (also dauerhaft durchhaltbar unter wirtschaftlichen, sozialen Gesichtspunkten) anzuwenden und zu kontrollieren.

Ob Wasserstoff in mobilen Anwendungen als Energieträger den Vorrang vor Elektrizität als Energieträger haben sollte, ist an so viele technische Randbedingungen geknüpft, dass man zum jetzigen Zeitpunkt keine endgültige Festlegung treffen sollte. Mittel- bis langfristig muss für alle Energieträger das Prinzip gelten, dass die Gewinnung nur aus nachhaltigen Energien erfolgen darf.

Beim Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur fehlt im Papier die Betrachtung von Sicherheitsaspekten.

Den Gütertransport vermehrt von der Straße auf die Schiene zu verlagern ist eine immerwährende allerdings schnell an Kapazitätsgrenzen stoßende Forderung. Hier gibt es bereits zahlreiche logistische Konzepte, die von politischen und wirtschaftlichen Randbedingungen bestimmt werden. Transportkosten werden sowohl im europäischen Binnenmarkt wie auch im Welthandel von den Kapazitäten (und damit Preisen) der Anbieter bestimmt. Auch wenn wir jetzt auf verschiedene Deregulierungen zurückblicken, ist der Transportmarkt immer noch ein stark staatlich regulierter Bereich, der andererseits den globalen Wettbewerbsbedingungen unterworfen ist.

Produkte
Organische Produkte wie Kunststoffe, Dünger, Pharma u Reiniger nicht mehr aus fossilen Quellen herzustellen ist die langfristige Perspektive einer auf regenerativen Quellen beruhenden Kohlenstoff-Kreislaufwirtschaft. Wegen der weltweit größeren Ressourcen kann jedoch Kohle im Vergleich zu Erdöl und Erdgas noch für lange Zeit auch als Grundstofflieferant dienen.

Ob mittelfristig die Nutzung als Kraftstoff oder als chemischer Grundstoff für Öl und Gas im Vordergrund stehen wird, hängt von der Nachfrage- und damit Preisentwicklung ab. Auf jeden Fall ist es richtig und wünschenswert, alternative Herstellungsverfahren für diese Produktgruppen zu entwickeln, um die Versorgungssicherheit mit chemischen Grundstoffen sicherzustellen.

Zustimmung erfährt auch die Konzeption der Produktentwicklung unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit. Hierzu gehören längere Produktlebensdauer, Reparatur- und Upgrading-Möglichkeiten.


Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Karl-Friedrich Ziegahn
Karlsruher Institut für Technologie KIT
Programmleiter Energie- und Umweltforschung
KIT-Sprecher für Erneuerbare Energien
Helmholtz-Sprecher für Bioenergie
Vorsitzender des Geothermiezentrum Karlsruhe


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